Affordanz bezeichnet die Handlungsmöglichkeit, die sich aus den Eigenschaften eines Gegenstands und den Fähigkeiten seines Benutzers ergibt. Ein Hocker trägt einen Erwachsenen, eine Pappkiste in derselben Form trägt ihn nicht: Die Affordanz liegt in der Beziehung zwischen beiden. Der Wahrnehmungspsychologe James J. Gibson hat den Begriff geprägt, Don Norman hat ihn 1988 ins Design geholt. Ob jemand die Möglichkeit auch bemerkt, ist eine eigene Frage.
- Affordanz
Handlungsmöglichkeit, die sich aus den Eigenschaften eines Gegenstands und den Fähigkeiten seines Benutzers ergibt.
Beispiel: „Die Affordanz einer Klinke ist das Herunterdrücken, auch wenn die Tür verschlossen bleibt.“Auch: Affordance oder Angebotscharakter. Im deutschen Design hat sich Affordanz durchgesetzt, die Übersetzung findet sich eher in der Psychologie.
Häufige Fehlverwendung: Der Satz „Wir haben dem Button eine Affordanz gegeben“ meint fast immer einen Signifier, also den wahrnehmbaren Hinweis auf die Handlung. Die Möglichkeit zu klicken besteht auf einem Bildschirm ohnehin an jeder Stelle.
Gibson beschreibt eine Beziehung zwischen Lebewesen und Umwelt
Gibson ging es um Lebewesen und ihre Umwelt. Eine waagerechte feste Fläche in Kniehöhe bietet einem Menschen das Sitzen an, einem Käfer bietet sie etwas anderes. Damit gehört die Affordanz weder dem Gegenstand allein noch dem Betrachter allein.
Sie besteht auch dann, wenn niemand sie bemerkt. Ein Notausgang hinter einem Vorhang lässt sich öffnen, obwohl ihn keiner sieht. Genau an dieser Stelle trennen sich Möglichkeit und Hinweis.
Am Bildschirm bleibt von echten Affordanzen wenig übrig
Ein Bildschirm ist eine Glasfläche. Sie bietet Berühren an, und mit einem Zeigegerät bietet jedes Pixel das Klicken an. Deshalb führt die Frage „Sieht diese Fläche nach einem Bedienelement aus?“ im Interface weiter als die Frage nach der Affordanz. Norman hat das selbst klargestellt: Er sprach zunächst von wahrgenommener Affordanz und später vom Signifier.
Echte Affordanzen stecken heute vor allem in der Physik der Bedienung. Ein Touchscreen nimmt mehrere Finger gleichzeitig an, eine Maus erlaubt dafür genaues Zielen auf kleine Flächen.
Wo der Begriff im Projektalltag trägt
Nützlich ist Affordanz dort, wo es um die Grenzen von Gerät und Körper geht. Die Reichweite des Daumens, die nötige Größe einer Tippfläche oder die Frage, ob sich eine Karte einhändig bedienen lässt, sind Fragen dieser Art.
Sobald es darum geht, ob jemand eine Möglichkeit bemerkt, wechselt das Thema zum Signifier. Wir halten die beiden im Review auseinander, weil eine Diskussion über Sichtbarkeit unter falschem Namen selten zu einer Entscheidung führt.